Changing Cities

Den eigenen
Kiezblock
vor der Haustür

So geht's!

Der Verein Changing Cities unterstützt Initiativen dabei, Stadtteile wieder lebenswert zu machen. Mit der Kampagne „Kiezblocks“ soll die menschengerechte und ökologische Verkehrswende vorangebracht werden. Kiezblocks reduzieren den motorisierten Durchgangsverkehr, dafür gibt es mehr Platz für Radfahrende und Fußgänger*innen. Die verkehrsberuhigten Straßen laden zu Begegnungen und zum Leben ein. Lärm und Schadstoffe werden vermindert. Die Schritte zur Einrichtung eines Kiezblocks stellen wir Euch in dieser Anleitung vor.

von Lea Keckert

Materialliste

  • Ausgedruckte Unterschriftenlisten (doppelseitig und am besten auf Recyclingpapier)
  • Flyer/Zettel mit Euren Kontaktdaten für Gewerbetreibende
  • Klemmbretter + Stifte für die Unterschriftensammlung
  • Liste mit Orten, wo ihr Unterschriftenlisten ausgelegt habt (damit ihr nicht vergesst sie wieder einzusammeln)

Schritt für Schritt

„No Parking on the Dancefloor“, Aktion in der Bergmannstrasse, Samstag, 14.9.2019, Norbert Michalke/ Changing Cities

Was genau ist ein Kiezblock?

Lange Zeit wurden unsere Städte besonders autozentriert geplant, öffentlicher Raum mit hoher Lebensqualität wurde vernachlässigt. So werden Städte den heutigen Bedürfnissen der Menschen kaum noch gerecht. Der Autoverkehr nimmt einen Großteil der Fläche ein, alle anderen Verkehrsteilnehmer*innen werden an den Rand gedrängt. Vor allem Anwohnende sind Lärm und Luftverschmutzung ausgesetzt.

Doch in vielen Städten weltweit findet ein Umdenken statt. So gibt es in Barcelona sogenannte „Superblocks“, in Brighton soll bis 2023 das Zentrum autofrei sein und in San Francisco wurde die Market Street komplett für motorisierte Fahrzeuge gesperrt[1]. An diese Bewegung knüpft auch der Verein Changing Cities an. Hier wurde 2019 die Idee der „Kiezblocks“ entwickelt – Quartiere ohne Durchgangsverkehr und mehr Möglichkeiten zum Aufenthalt.

Durch Kiezblocks werden Wohnviertel so umgestaltet, dass Autofahrer*innen sie nicht mehr als Abkürzung oder alternative Wege nutzen können. Dies geschieht durch bauliche Maßnahmen, die gleichzeitig sicherstellen, dass Anwohnende, Rettungsfahrzeuge oder Müllabfuhr weiterhin alle Häuser im Kiez erreichen. Radfahrende und Fußgänger*innen sind sicher und bequem unterwegs. Die Lebensqualität steigt, und der Straßenraum steht wieder allen zur Verfügung!

Ihr habt auch Lust auf einen Kiezblock und wollt Eure Nachbarschaft mit Leben füllen? Wir stellen euch die Schritte auf dem Weg zum Ziel vor. Die hier genannte Reihenfolge ist nicht zwingend.

So könnte es in den Berliner Kiezen bald aussehen: Statt Kfz-Durchgangsverkehr mehr Platz für Spiel, Spaß und Genießen. , Norbert Michalke/ Changing Cities

1. Schritt: Findet Verbündete (Nachbarschaftsinitiative)

In einem Team macht die Umsetzung der Verkehrswende besonders viel Spaß. Dazu könnt ihr euch zuerst in der Nachbarschaft umhören, ob bereits eine Nachbarschaftsinitiative besteht (Übersicht Kiezblock-Initiativen). Falls nicht, könnt ihr eine Initiative gründen, oder ihr engagiert euch ohne Initiative.

Die Initiative ist an keine bestimmte Organisationsform oder Mitgliederanzahl gebunden. Je mehr Bürger*innen ihr seid, desto mehr Aufmerksamkeit bekommt ihr aber. Ihr könnt Mitstreiter*innen finden, indem ihr Plakate im Kiez aufhängt und Flyer verteilt. Auch “nebenan.de” bietet eine gute Plattform, um Leute zu erreichen. Am besten ladet ihr direkt zu eurer ersten Versammlung ein!

2. Schritt: Offene Versammlung

Eine offene Versammlung ist ein moderiertes Treffen von Anwohner*innen. Es findet meist im öffentlichen Raum statt und ist ein gutes Format für eine erste Veranstaltung. Die Grundlagen einer erfolgreichen offenen Versammlung sind aktives Zuhören, Vertrauen in den Prozess und eine inklusive Gestaltung.

Fangt rechtzeitig mit den Planungen für die offene Versammlung an: Zwei Monate Vorlaufzeit sind nicht übertrieben! Ladet am besten alle wichtigen Akteur*innen hierzu ein und vergesst auch nicht, in Nachbarschaftshäusern, dem Stadtteil- oder Quartiersmanagement und anderen Initiativen auf den Termin aufmerksam zu machen. Haltet Klemmbretter und Stifte bereit. Falls ihr mehr als 20 Personen erwartet, empfiehlt sich auch eine Lautsprecheranlage. Klärt im Vorhinein Funktionen wie Moderation und Protokollführung. Damit alle Personen zu Wort kommen können, sollten Kleingruppenphasen geplant werden. In mehreren kleinen Themengruppen können zudem unterschiedliche Ideen besprochen werden.

Eine offene Versammlung lässt sich natürlich auch online abhalten. Hier erfahrt ihr mehr über das Konzept: Webinar Offene Versammlung

3. Schritt: Macht einen Plan

Um eurer Kreativität freien Lauf zu lassen und ein gemeinsames Wunschszenario zu entwickeln, könnt ihr zusammen ein Verkehrskonzept für euer Viertel ausarbeiten. Dieser Schritt ist keine Voraussetzung für den Erfolg des Einwohner*innenantrags – er sorgt aber durchaus für positive Aufmerksamkeit.

Zu allererst solltet ihr euer Quartier genau unter die Lupe nehmen. Wo gibt es Gefahrenstellen? Wo ist es besonders laut? An welchen Orten ist der Bedarf nach einer Umgestaltung des Straßenraums groß?

Daraufhin könnt ihr euch Gedanken darüber machen, welche baulichen und verkehrstechnischen Maßnahmen in Frage kommen. Modalfilter sind eine gute Methode, um nur bestimmte Verkehrsmittel passieren zu lassen: Mehrere Poller stehen entweder diagonal inmitten einer Kreuzung und/oder quer über einer Straße. So können Rad- und Fußverkehr ungehindert weiterlaufen. Für Pkw-Fahrer*innen, die den Kiez nur als Durchfahrtsstraße nutzen wollen, wird diese Streckenführung jedoch unattraktiv.

Diagonalsperren sind ein beliebtes Mittel um Durchgangsverkehr zu reduzieren. Mit dem Fahrrad lassen sie sich gut passieren., Norbert Michalke/ Changing Cities

Euren fertigen Verkehrsplan könnt ihr an den Einwohner*innenantrag anhängen. So bekommen die politischen Vertreter*innen schon einmal eine Idee davon, wie schön ein verkehrsberuhigter Stadtteil sein kann!

Mehr dazu erfahrt ihr hier: How-To-Kiezblock

4. Schritt: Schreibt einen Einwohner*innenantrag

Mit einem Einwohner*innenantrag verschafft ihr eurem Anliegen Öffentlichkeit und fordert die Politik zum Handeln auf. Der Antrag stellt ein Instrument der direkten Demokratie in Deutschland dar, welches es in fast allen Bundesländern gibt (in Bayern, Baden-Württemberg, Bremen heißt er Bürger*innenantrag). Sobald ihr eine rechtlich festgelegte Anzahl an Unterschriften für euren Antrag gesammelt habt, könnt ihr ihn im Gemeinderat einreichen. Dann müssen sich die Abgeordneten mit dem Thema eures Antrags beschäftigen, und ihr erhaltet „Rederecht im Ausschuss“. Unterschätzt dabei nicht euer Wissen über die lokalen Verhältnisse. Die politischen Vertreter*innen kennen euer Viertel niemals so gut wie ihr selbst! In vielen Bundesländern ist es Pflicht, dass die Mitglieder des Gemeinderates im Anschluss an die Vorstellung eures Antrags darüber abstimmen. Genauere rechtliche Rahmenbedingungen findet ihr in der Gemeindeordnung, Landkreisordnung oder dem Bezirksverwaltungsgesetz Eures Wohnortes.

5. Schritt: Unterschriftensammlung

Um die benötigten Unterschriften für euren Antrag zu sammeln, könnt ihr eine Sammelaktion starten. Dazu stellt ihr euch einfach mit einer Unterschriftenliste an einen gut besuchten Ort. Hierfür eignet sich z. B. ein Wochenmarkt, eine Demo oder ein Park an einem sonnigen Tag.

Ihr könnt die Unterschriftenlisten auch an wichtigen Orten in Eurem Bezirk auslegen. Dazu eignen sich Cafés oder Supermärkte, aber auch Kulturzentren oder Schulen. Bittet in jedem Fall eine verantwortliche Person um Erlaubnis, lasst eure Kontaktdaten da und gebt auch eine mögliche Abgabestelle an.

Bringt am besten auch Unterschriftenlisten über Freund*innen und Bekannte in Umlauf. Sie können die Listen dann in ihren Büros, Kitas oder Sportvereinen auslegen. Um die Rückgabe einfacher zu gestalten, gebt eine Abgabestelle mit an. Dies kann z. B. ein öffentlich zugänglicher Briefkasten sein.

6. Schritt: Dialog mit Politik und Verwaltung

Während des Prozesses ist es sinnvoll, das Projekt so bekannt wie möglich zu machen! Dazu solltet ihr so viele Menschen wie möglich über den geplanten Kiezblock informieren. Außerdem erfahrt ihr so, was sonst gerade in Eurem Stadtteil passiert. Vielleicht überschneidet sich eure Idee eines Kiezblocks mit einem ähnlichen Projekt und ihr könnt kooperieren.

Die hier aufgelisteten Personen sollen euch als Ansprechpartner*innen inspirieren:

  • Mitglieder des Gemeinderats oder der Bezirksregierung: Auf der Bezirkswebsite findet ihr die Mitglieder der einzelnen Fraktionen im Verkehrsausschuss.
  • Mitarbeitende des Straßen- und Grünflächenamts: Fragt euch hier ein wenig durch. Gegebenenfalls werdet ihr ein paar Mal abgewimmelt, bis ihr auf begeisterte Verkehrswendeplaner*innen trefft. Es gibt sie aber mit Sicherheit!
  • Mitglieder des Abgeordnetenhauses: Recherchiert, in welchem Wahlkreis euer Stadtteil liegt und welche Abgeordneten dort kandidieren.
  • In allen Bezirken gibt es einen „Regionalteil“ der lokalen Tageszeitung. Hier wird gerne und häufig über Initiativen vor Ort berichtet.

Mehr Informationen rund um das Thema Bürger*innenbeteiligung bekommt ihr bei den dafür zuständigen Personen Eurer Stadt. Ihr findet sie auf der jeweiligen Website. Auch die Stadtteil-Koordination kann euch bei eurem Vorhaben unterstützen.

Die Themen Flächengerechtigkeit und autoärmere Städte werden momentan international viel diskutiert. Auch wenn es erstmal nach viel Arbeit klingt, finden sich überall Gleichgesinnte und Menschen, die eure Ideen gerne unterstützen werden!

Viel Spaß bei der Umsetzung Eurer Kiezblocks!

Kiezblocks, Changing Cities

Die Arbeit von Changing Cities

Der Verein Changing Cities unterstützt ein deutschlandweites Netzwerk an Initiativen, die sich für die Verkehrswende einsetzen. Der Verein entstand aus dem Berliner „Volksentscheid Fahrrad“ heraus, welcher aktiv zum Berliner Mobilitätsgesetzes beitrug. Heute gibt es sogenannte Radentscheide in vielen Städten Deutschlands.

Mit den Kiezblocks möchte der Verein ein nächstes großes Thema in der Verkehrspolitik adressieren. Die Nutzung des öffentlichen Raumes und die dortige, permanente Bevorzugung des motorisierten Verkehrs. In Berlin stehen 2021 zusätzlich zu den Bundestagswahlen auch noch die Abgeordnetenhauswahlen an. Die Politik interessiert sich also besonders dafür, was ihren potenziellen Wähler*innen wichtig ist. Für Changing Cities ist das Anlass genug, eine zentrale politische Kampagne im Vorfeld der Wahlen zu starten. So soll die Debatte um Kiezblocks und die Öffnung von Straßen und Plätzen zu einem zentralen Wahlthema werden. Ziel der Kampagne sind 180 Kiezblocks für Berlin.

Die Kampagne ist in der Hauptstadt schon voll angelaufen, es haben sich in vielen Kiezen bereits Initiativen zur Umsetzung von Kiezblocks gefunden. Changing Cities übernimmt dabei die Koordination der einzelnen Initiativen und unterstützt mit Expertise und Material.

Ein koordiniertes Vorgehen ist aus stadtplanerischer Sicht sinnvoll. So kann der Autoverkehr nicht einfach ausweichen und andere Gegenden belasten. Nur wenn unsere Stadt aus vielen Kiezblocks besteht, nimmt der motorisierte Individualverkehr ab. Dann sinkt der Verkehrsdruck überall in den Kiezen und auf den Hauptstraßen. Auf diese Weise schaffen wir eine sozial gerechte Mobilitätswende, von der alle profitieren und nicht nur einige wenige Menschen in Modell-Kiezblocks.

[1] https://blog.choice.de/2020/02/13/verkehrswende-neue-konzepte-fuer-urbane-mobilitaet/

 

 

Tipps & Tricks

Tipp 1:
Tipps zum Unterschriften sammeln:
● Sammelt im Frühjahr und Sommer.
● Haltet immer mehrere Klemmbretter bereit, so könnt Ihr auch große Gruppen ansprechen.
● Haltet keine langen Vorreden.
● Überprüft direkt beim Sammeln der Unterschriften: Sind sie vollständig, leserlich ausgefüllt? Liegt die Meldeadresse im Bezirk? Ist die unterzeichnende Person alt genug?
● Plant Sicherheitspuffer ein! Sammelt rund 30% Unterschriften mehr als benötigt, denn es werden auch ungültige dabei sein.
● VORSICHT: Achtet auf die aktuellen Hygiene-Maßnahmen (Desinfektion von Stiften, nicht zu viele Personen auf einmal).

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