purple ride Berlin / flti* critical mass, gitti la mar

AB AUF‘S RAD, GEGEN DAS PATRIARCHAT

Der Purple Ride kämpft für mehr Sichtbarkeit im Straßenverkehr - für FLINT*s

Nicht nur zum Frauentag versammeln sich FLINT*-Personen beim Purple Ride, um gemeinsam zu demonstrieren. Deutlich erkennbar durch die Protestfarbe Lila, steigen sie auf’s Fahrrad und treten in die Pedale für die ökologische Verkehrswende und für eine Verkehrsplanung, die verschiedene Perspektiven und Mobilitätsbedürfnisse berücksichtigt. Die Abkürzung FLINT* steht für Frauen, Lesben, Inter, nicht-binäre, und Transpersonen. Also alle Personen, die von patriarchalen Strukturen besonders diskriminiert werden.

von VCD/ Lea Keckert

 

Wisst ihr noch? Purple Ride am 8. März

Begeben wir uns gemeinsam auf eine kleine Zeitreise: In eine Zeit, als wir noch unbeschwert Großveranstaltungen besuchten. Uns in Innenräumen mit so vielen Menschen trafen, wie Platz war. Und uns vollkommen sorgenfrei ein Getränk teilten. Erinnert ihr euch daran?

Die Aktivistin Alisa und Mitbegründerin vom Purple-Ride-Kollektiv denkt gerne zurück an ihre letzte große Veranstaltung am 8. März 2020 – dem internationalen Frauentag. An diesem Tag kamen über 700 FLINT*-Personen auf ihren Fahrrädern in Berlin-Kreuzberg zusammen. Mit im Schlepptau: ihre Kinder, Hunde, etliche Banner und Fahnen sowie einen Gegenstand, Schals und Kleidung in der Farbe Lila. Diese ist das Erkennungsmerkmal der feministischen Bewegung weltweit und damit auch des Purple Rides. Die Stimmung bei diesem ersten gemeinsamen Ride ist ausgelassen. Begleitet von einem bunten Programm fährt die Gruppe gut zwei Stunden durch die Straßen von Berlin-Kreuzberg, Mitte und Schöneberg. Am Anfang und am Ende gibt es Redebeiträge. Das Gesagte stärkt die Gewissheit darüber für eine sinnvolle Sache zu kämpfen. Alle sind motiviert – das Gemeinschaftsgefühl stark. Für die Initiator*innen ist der Zuspruch überwältigend. Am Ende liegen sie sich in den Armen und trinken wie selbstverständlich aus der gleichen Sektflasche.

purple ride Berlin / flti* critical mass, gitti la mar

Androzentrische Verkehrspolitik

Das Motto des Purple Ride lautet: „Ab auf‘s Rad, gegen das Patriarchat!“. Aber was hat das Patriarchat eigentlich mit der Verkehrswende zu tun? Die vorhandenen Machtstrukturen wirken sich auf alle Lebensbereiche aus und prägen unsere Sichtweisen. So wird häufig die männliche Perspektive als die gesellschaftliche Norm angenommen. Feministische Wissenschaftler*innen sprechen dann von einer androzentrischen Sicht. Diese Sichtweise und ihre Auswirkungen wurden lange Zeit nicht hinterfragt. Deswegen entsprechen Verkehrs- und Stadtplanung noch immer hauptsächlich männlichen Bedürfnissen.

Dabei ist schon lange klar, dass sich die Mobilitätsbedürfnisse von Menschen grundsätzlich unterscheiden. Diese Unterschiede können auch gender-unspezifisch betrachtet werden, die klassischen Rollenverteilungen in unserer Gesellschaft beeinflussen das Mobilitätsverhalten aber immens. Denn klassischerweise übernehmen Frauen in unserer Gesellschaft noch immer den Großteil der Care-Arbeit. Unter Care-Arbeit werden alle (meist unbezahlten) Arbeiten rund um Haushalt, Kinder und Pflege verstanden. Diejenigen, die Care-Arbeit leisten, sind häufiger mit Kindern oder pflegebedürftigen Menschen im Straßenverkehr unterwegs und sie legen mehr, aber dafür kürzere Wege zurück.

Während Frauen weitaus häufiger zu Fuß gehen, den ÖPNV oder das Fahrrad nutzen, wählen Männer fast immer das eigene Auto oder den Firmenwagen. 62% der Autos in Deutschland sind auf Männer zugelassen[2]. Denn sie sind selbst heutzutage noch meistens Hauptverdiener der Familie und pendeln auf dem Weg zur Arbeit. Dadurch unternehmen sie weniger komplexe, aber längere Wege. Unsere heutigen Städte sind genau für dieses typisch männliche Mobilitätsverhalten geplant. Das Auto steht im Zentrum aller Planungen. Alle anderen Verkehrsmittel müssen irgendwie daneben existieren.

Woher kam die Idee des Purple Ride?

Hinter dem Purple Ride steckt eine kleine Gruppe von Organisator*innen. Untereinander kannten sie sich anfangs kaum, doch sie verband die Idee nach einer Alternative zur herkömmlichen Berliner Critical Mass. Eine Critical Mass ist, anders als eine offizielle Demonstration, nicht bei der Polizei angemeldet. Die Gruppe besteht aus engagierten Personen, die Lust haben Dinge zu verändern und die gleichzeitig das nötige Wissen und Arbeitseifer mitbringen. „Es war eine krass strukturierte und organisierte Arbeit. Und dadurch haben wir es geschafft, das Ganze innerhalb von 6 Wochen auf die Beine zu stellen.“, erinnert sich Alisa an das erste Arbeitstreffen.

purple ride Berlin / flti* critical mass, gitti la mar

Der erste Ride

Und dann kam der 8. März 2019. Das erste Mal ein gesetzlicher Feiertag in Berlin. Der erste Purple Ride. Zu der Fahrraddemo kamen über 500 Menschen. Damit wurden alle Erwartungen der Initiator*innen übertroffen. Im Verlauf des Jahres gab es noch mehrere kleine Purple Rides. Das Kollektiv ließ sich selbst von eisigen Wintertagen nicht ausbremsen: anstatt Fahrradfahrten wurden zusammen mit anderen Gruppen und Kollektiven Filmabende oder ein feministisches Fahrradquiz organisiert. Als die ersten Beschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie in Kraft traten, stellte auch das Kollektiv alle Planungen für weitere Veranstaltungen ein. Das Bedürfnis zur Eindämmung des Virus beizutragen war nicht kompatibel mit den Demonstrationen. Auch wenn es in Krisenzeiten besonders wichtig ist, auf die Bedürfnisse benachteiligter Gruppen aufmerksam zu machen. Denn Krisen, wie die Corona-Pandemie, verstärken schon bestehende soziale und gesellschaftliche Ungleichheiten. Laut der UN kann dies für Frauen unmittelbare gesundheitliche und langfristig ökonomische Folgen haben[3].

»Das Fahrrad ist für uns ein Zeichen der Emanzipation!« (Alisa Raudszus)

Für einen Safe-Space im Straßenverkehr

Der Purple Ride versteht sich als queer-feministische Demonstration. Die Teilnehmenden gehen für mehr Chancengleichheit und Vielfalt in unserer Lebenswelt auf die Straße – dazu gehört auch eine sichere und gerechte Verkehrsinfrastruktur für alle. Die Aktivist*innen schaffen Aufmerksamkeit dafür, wie sich eine patriarchale Grundordnung in unserer Gesellschaft auch in der alltäglichen Mobilität bemerkbar macht. Zum Beispiel in Form von sexistischen Kommentaren oder Beleidigungen, belästigenden Blicken oder Übergriffen. Damit sich alle bei der Fahrraddemo wohlfühlen, werden bewusst FLINT*-Personen eingeladen. Also Menschen, welche von den aktuellen Machtstrukturen in unserer Gesellschaft besonders diskriminiert werden. Die Abkürzung FLINT* steht für Frauen, Lesben, Inter, nicht-binäre und Transsexuelle Personen. Manchmal wird die Aufzählung noch durch ein A erweitert. Dieses steht für asexuelle Menschen. Das Sternchen signalisiert, dass diese Aufzählung nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Es werden auch Menschen mitgemeint, welche nicht unter die genannten Kategorien fallen, aber trotzdem unter der gleichen Unterdrückung leiden.

Was sollte sich also ändern?

Um eine Verkehrswende zu schaffen, die gerecht für alle Verkehrsteilnehmer*innen ist, müssen Mobilität- und Stadtplanung ganzheitlich betrachtet werden. Dafür braucht es mehr Frauen in Führungspositionen, in technischen Studiengängen – und endlich mal eine Verkehrsministerin 😉. Um schwächere Verkehrsteilnehmer*innen zu schützen, bedarf es einer gezielten Umstrukturierung des öffentlichen Raumes und der Verkehrswege. Es gibt bereits Konzepte, an denen sich orientiert werden kann, wie dem Gender Planning. Mit diesem Ansatz in der Stadtplanung sollen öffentliche Räume geschaffen werden, in denen sich alle Menschen sicher fühlen. Bis sich diese Lösungen durchgesetzt haben, können wir anders auf bestehende Ungerechtigkeiten aufmerksam machen: Laut und bunt auf der Straße, zum Beispiel beim nächsten Purple Ride!

 

Hinweis: Momentan gibt es aufgrund der aktuellen Hygienemaßnahmen zwar noch keine geplanten, großen Demonstrationen. Wir bleiben aber zuversichtlich, dass wir uns bald wieder zusammen in großen Gruppen die Straße zurückerobern können! Sobald es die Umstände wieder zulassen, werden wieder Purple Rides in Berlin stattfinden. Das Kollektiv informiert über alternative Veranstaltungen auf ihrer Facebookseite oder über Instagram.

 

Weitere Informationen zum Thema und dem Purple-Ride-Kollektiv findet ihr unter:

https://www.vcd.org/artikel/feministische-verkehrspolitik/

https://www.facebook.com/purplerideberlin

https://www.instagram.com/purplerideberlin/

 

Quellen im Text:

[1] https://ec.europa.eu/transport/themes/social/women-transport-eu-platform-change_en

[2] https://www.zeit.de/mobilitaet/2019-09/staedteplanung-maenner-geschlechtergerechtigkeit-berlin-bruessel-barcelona

[3] https://www.unwomen.de/aktuelles/corona-eine-krise-der-frauen.html

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