Tag des guten Lebens, Marén Wirths

Tag des guten Lebens

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Aufenthaltsqualität statt Autos in Köln

Wie würden unsere Städte aussehen, wenn sie als Gemeingut von der eigenen Bewohnerschaft regiert und gestaltet würden? Ein Stück Utopie ist mit dem „Tag des guten Lebens“ in Köln erlebbar geworden. Hier die Geschichte seiner Anfänge.
von Davide Brocchi

32 mögliche Antworten auf die Frage, wie Köln klimafreundlicher werden könnte, wurden im Dezember 2011 im Stadthaus Deutz ausgestellt. Sie stammten von Bürger/innen, die sich beim Wettbewerb „Dialog Kölner Klimawandel“ beworben hatten. Meine Idee trug den Titel „Kölner Sonntag der Nachhaltigkeit“. Einmal pro Jahr sollte ein möglichst breites Gebiet der Stadt autofrei sein und ihren Bewohner*innen gehören. Auf Straßen und Plätzen sollten die Nachbarschaften eigene Wohlstandsmodelle jenseits von Wirtschaftswachstum und Massenkonsum erlebbar umsetzen dürfen, denn was mitgestaltet und gemeinsam erlebt werden darf, ist viel überzeugender als ein bloß darüber Reden. An diesem Tag sollte nichts verkauft und nichts gekauft werden: Um eine Atmosphäre des Vertrauens und des Zusammenhalts zu fördern, wären nur das miteinander Teilen und das Schenken erlaubt. Mit „Sonntag der Nachhaltigkeit“ war kein Event gemeint, sondern ein besonderer Taktgeber für die progressive sozial-ökologische Transformation der Stadt. Jedes Mal sollte die Einleitung eines neuen Transformationsschrittes gefeiert werden, der im Voraus durch eine breite Allianz aus Zivilgesellschaft, Politik und Nachbarschaften demokratisch und inklusiv definiert und durchgesetzt wird. Beim ersten „Sonntag der Nachhaltigkeit“ hätte die ganze Innenstadt autofrei sein sollen, in den folgenden Jahren wären weitere Quartiere damit aktiviert und belebt worden.

Spaß für Groß und Klein am Tag des guten Lebens , Davide Brocchi

Das Unerwartete geschah, und meine Idee bekam die Auszeichnung im Themenbereich Verkehr. Sie war mit 2.000 Euro dotiert. Nun fühlte ich mich ein Stück weit der Idee verpflichtet. Da sie viel größer war als ich, verspürte ich eine latente Überforderung. In Köln war ich ein normaler Bürger ohne öffentliche Position und besonderes Netzwerk, später erfuhr ich aber, dass es in partizipativen Prozessen vom Vorteil sein kann, ein unbeschriebenes Blatt zu sein. Zuerst baute ich die Idee zu einem 40 Seiten langen Konzept aus. Die Designakademie ecosign, in der ich als Dozent arbeitete, spendete die professionelle Gestaltung des Papiers. Nun konnte ich mit der Öffentlichkeitsarbeit loslegen. Einerseits war eine politische Zustimmung für den autofreien „Sonntag der Nachhaltigkeit“ nötig, andererseits musste die Zivilgesellschaft aktiviert werden. Im Mai 2012 wurde ich eingeladen, das Vorhaben vor der Bezirksvertretung Innenstadt vorzustellen. Die Reaktion des grünen Bürgermeisters: „Wir dürfen die Bürger mit solchen visionären Projekten nicht überfordern, vielleicht auf einer Straße“. Die ganze Innenstadt autofrei? Das kam nicht in Frage. Die Idee wurde von der Versammlung abgelehnt. Als Bürger hatte ich mich nicht besonders ernst genommen gefühlt. So kam ich auf die Idee, eine Bewegung hinter dem Vorhaben aufzubauen. Bei der weiteren Öffentlichkeitsarbeit kam es zu Gesprächen mit den Spitzen der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB), des Evangelischen Kirchenverbands und des Comedia Theaters. Ihre Unterstützung motivierte weitere Akteure der Stadt mitzumachen. Auch die Medien begannen über die Idee zu berichten. Bis September 2012 hatten mehr als 50 Organisationen und Initiativen das Konzept unterzeichnet. Ich lud ihre Vertreter/innen zu einem gemeinsamen Treffen in der ecosign. Dabei machte ich deutlich, dass ich zwar eine Auszeichnung bekommen hatte, diese große Idee aber nur dann eine Chance hätte, wenn sie von einem breiten Bündnis getragen würde. Weitere Entscheidungen könnten dann von einem demokratischen, legitimierten Wir getroffen werden. So gründete sich das Bündnis Agora Köln, für das ein Beirat aus elf Mitgliedern gewählt wurde. Der Name des Bündnisses war Programm: Die Agora war der Platz inmitten der altgriechischen Polis, auf der sich die Bürger regemäßig trafen, um gemeinsam die Entwicklung der eigenen Stadt zu bestimmen. Auf unserer Agora sollten aber nicht nur die Männer einen Platz bekommen, sondern alle Menschen, denn die Vielfalt ist das Fundament der Resilienz und der Lebendigkeit einer Stadt. Weil der Begriff „Nachhaltigkeit“ eine heterogene Bevölkerung nicht unbedingt anspricht, beschloss die Agora Köln zuerst eine Umbenennung des „Sonntags der Nachhaltigkeit“ in „Tag des guten Lebens“. Unter „gutes Leben“ (buen vivir) wurde in Lateinamerika seit Jahren eine breite Debatte über alternative Wohlstandsmodelle zum westlichen geführt.

Immer mehr Organisationen und Initiativen traten dem lokalen Bündnis bei, irgendwann umfasste es 130 Akteure aus Umwelt, Gewerbe, Sozialem und Kultur. Mit dieser langen Liste von Unterstützern besuchte ich nun den Bürgermeister des Bezirkes Köln-Ehrenfeld, Josef Wirges (SPD). Dieser brauchte keine zehn Minuten, um sich für die Idee zu begeistern und lud mich zu einem weiteren Treffen mit allen Fraktionsvorsitzenden ein. Nach meiner Präsentation wurde ein gemeinsamer Antrag in dieser Runde vereinbart, der bei der Bezirksversammlung im Dezember 2012 einstimmig angenommen wurde. Der erste „Tag des guten Lebens“ war nun beschlossen: Er sollte am 15. September 2013 im Quartier Ehrenfeld stattfinden, auf einem Gebiet, in dem 22.000 Menschen wohnen. 24 Straßen sollten autofrei werden. Beschlossen wurde auch, dass die Bezirksvertretung selbst Teil der Agora Köln wurde. Zu den neuen Allianzen für die Transformation sollten eben auch „public-citizen-partnerships“ auf Augenhöhe gehören.

Nun lud die Agora Köln die Bewohnerschaft zu einem Nachbarschaftstreffen ein und machte das Angebot eines „Tags des guten Lebens“ im Quartier. Die Nachbarschaft sollte den Prozess mitbestimmen und mitgestalten, nicht nur unterstützen. Die 70 Teilnehmer/innen stimmten dem Vorhaben zu. In Ehrenfeld begann so ein partizipatorischer Prozess, der dazu führte, dass der „Tag des guten Lebens“ nach und nach auch als „Tag der Nachbarschaft für die Nachbarschaft“ empfunden wurde. Vor dem ersten „Tag des guten Lebens“ waren 20-40 ehrenamtliche Aktive im Kern beteiligt, die in verschiedenen Arbeitsgruppen aufgeteilt waren: Tag des guten Lebens (Organisation und Zentralprogramm), Nachbarschaftsarbeit, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Bewegung und Vernetzung (Agora Köln), Kampagnenarbeit (im ersten Jahr „nachhaltige Mobilität“) sowie Finanzen und Ökonomie. Für die ersten Schritte sagte die Stiftung Umwelt und Entwicklung NRW 9.800 Euro Förderung zu, während sich die Stadt Köln bereit erklärte, das Material für die Absperrung der Straßen zur Verfügung zu stellen. Eine professionelle Agentur für Verkehrssicherung, die in Ehrenfeld ansässig war, unterstützte das Vorhaben. Die meisten Kosten für den „Tag des guten Lebens“ entstehen, um das Quartier autofrei zu bekommen und die Auflagen zu erfüllen. Zum Glück kamen weitere Förderungszusagen wenige Tage vor dem Termin: Der erste „Tag des guten Lebens“ konnte mit 45.000 Euro circa gestemmt werden.

Straßen, die zum Verweilen einladen, Davide Brocchi

Am 15. September 2013 war ein Quadratkilometer der Stadt komplett autofrei, das heißt auch ohne geparkte Autos. Um die Stadt aus einer komplett anderen Perspektive zu erleben, wurden 3.000 alternative Parkplätze für die Bewohnerschaft organisiert. Der erwartete Aufstand der Autofahrer*innen blieb aus, vielmehr genossen die Menschen diesen Tag. Es fanden mehr als 150 Aktionen statt, bei denen die eigene Straße meistens in ein nachbarschaftliches Wohnzimmer unter freiem Himmel umgewandelt wurde. Die Besucherströme wurden auf die zentrale Verkehrsachse konzentriert, wo die Zivilgesellschaft ein Zentralprogramm zum Thema „nachhaltige Mobilität“ veranstaltete. Zwischen 200 und 400 Bürger/innen teilten sich an diesem Tag kleine oder große Aufgaben ehrenamtlich, zum Beispiel die Absperrung der Straßen.

Danach wollte die Ehrenfelder Nachbarschaft selbst diese Erfahrung 2014 wiederholen. Seitdem hat der „Tag des guten Lebens“ in Köln jedes Jahr in einem anderen Quartier stattgefunden. 2017 wurde die Initiative mit dem ersten Deutschen Nachbarschaftspreis der Stiftung nebenan.de ausgezeichnet. 2020 fand der ersten “Tag des guten Lebens“ in Berlin statt, 2021 in Wuppertal. In Dresden musste die „Woche des guten Lebens“ leider abgesagt werden. Der Erfolg hat gezeigt, dass die Bürgerschaft manchmal weiter als die eigenen politischen Vertreter*innen ist. Es lohnt sich, mehr Verantwortung auf die Bürger*innen zu übertragen und mehr Räume der Selbstverwaltung im Lokalen zuzulassen. In der Transformation zur Nachhaltigkeit ist der Weg das eigentliche Ziel: Wenn Autofahrer*innen als Nachbar*innen angesprochen und mitgenommen werden, dann machen viele auch bei der Mobilitätswende mit. Der Mensch ist eben mehr als ein Autofahrer.

Straßen mit Aufenthaltsqualität statt Autos, Davide Brocchi

Davide Brocchi lebt in Köln, ist Dipl.-Sozialwissenschaftler und erforscht Transformationsprozesse zur Nachhaltigkeit in Theorie und Praxis (http://davidebrocchi.eu)

Links:
Tag des guten Lebens Köln
Tag des guten Lebens Berlin
Tag des guten Lebens Wuppertal
Woche des guten Lebens Dresden

Lektorat: Annette Schwindt, Bonn

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