Wibke Reckzeh

Warmgefahren
statt kaltgefroren

Radverkehr
Sicherheit

Obdachlosenhilfe mit dem Lastenrad

Wenn in Berlin im Winter die Temperaturen sinken, sieht man auf den Straßen der Hauptstadt nur noch vereinzelt Radfahrer. Dick eingepackt trotzen sie den Minusgraden, während Passanten sich in ihre Wintermäntel kuscheln und auf dem Weg zur Arbeit einen heißen Cappuchino schlürfen. Oft laufen sie dabei an obdachlosen Frauen und Männern vorbei, die auf Plätzen, in Parks und unter Brücken Schutz suchen. Diesen Menschen wollten die Studenten Elias Dege und Frederyk Bieseke helfen, dabei aber auch umweltfreundlich unterwegs sein. Jetzt fahren sie mit Schlafsäcken, heißen Getränken und warmer Kleidung durch ganz Berlin – auf dem Lastenrad.

Der Berliner Winter ist 2017 einer der kältesten der letzten Jahre. Während die einen auf ein weißes Weihnachten hoffen, wird die Lage für die Obdachlosen in der Kälte immer riskanter. Die Hauptstadt stockt die Zahl der Betten in den Notunterkünften auf und der Kältebus ist unterwegs. Aber längst nicht alle Obdachlosen suchen die Notunterkünfte auch auf. Viele bleiben freiwillig draußen auf der Straße, wollen allein bleiben oder haben Angst vor Übergriffen. Um auch diesen Menschen helfen zu können, starteten die beiden Berliner Studenten Elias Dege und Frederyk Bieseke im Dezember mit ihrer eigenen Kältehilfe. „Uns war es wichtig, möglichst viele Hilfsbedürftige zu erreichen, auch die Menschen in den Parks und unter Brücken, wo kein Kältebus vorbeikommt“, sagt Frederyk. Die Lösung war schnell gefunden: Mit zwei Lastenrädern sind die beiden nicht nur flexibel, sondern auch klimaneutral unterwegs.

Kaffee und Tee gegen die Kälte

Zwei- bis dreimal wöchentlich gehen die beiden auf Tour durch Berlin und fahren verschiedene Bezirke ab. „Wir versuchen, alle Brennpunkte regelmäßig aufzusuchen. Man kann die Leute natürlich auch öfters besuchen, dann freuen sie sich besonders. Es geht ja auch darum, mit ihnen zu reden und zu zeigen, dass sich jemand für sie interessiert.“ Mit ihren Lastenrädern lässt sich eine ganze Menge transportieren: Der Stauraum ist vollgepackt mit Schlafsäcken, Isomatten, warmer Kleidung, Hygieneartikeln sowie Tee und Kaffee.

wibke reckzeh
Wibke Reckzeh

Die meisten Sachspenden stammen aus dem Familien- und Bekanntenkreis der beiden sowie von der Berliner Obdachlosenhilfe. Elias, der die Idee zu »Warmgefahren« hatte, denkt aber auch schon über den Winter hinaus:

»Wir wollen durch den direkten Kontakt zu den Menschen auch herausfinden, wie ihnen in Zukunft noch besser geholfen werden kann. Das heißt, uns geht es nicht nur darum, den Menschen jetzt in dieser akuten winterlichen Notlage zu helfen – wir wollen dazu beitragen, dass nachhaltige Strategien auf den Weg gebracht werden, um längerfristig etwas gegen das Problem Obdachlosigkeit tun zu können.«

Dabei bleibt er aber auch realistisch: Es würde immer obdachlose Menschen in Städten geben und die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Mehrheit je wieder einen festen Wohnsitz haben wird, der auch gehalten werden kann, sei verschwindend gering. „Nichtsdestotrotz möchten wir die Obdachlosen unterstützen und ein Stück weit auf ihrem Lebensweg begleiten.“

Bis zu zehn Kilometer fahren die beiden auf einer Tour ab, die Luft bleibt dabei sauber. Die umweltfreundlichen Lastenräder stellt ihnen das Verleihprojekt VELOGUT zur Verfügung. Zum Unterstützerkreis zählt außerdem »DIY. Dein Mobilitätsprojekt« des VCD, die den Studenten beim Fundraising helfen.

Kältehilfe auf zwei Rädern

Dass Elias und Frederyk für ihre Kältehilfe aufs Lastenrad steigen, ist kein Zufall. Beide sind bekennende Lastenrad-Fans. Elias engagiert sich zudem ehrenamtlich für den Verein FlickeN e.V., der offene Fahrradwerkstätten sowie den Berliner Fahrradmarkt mitorganisiert. „Mit »Warmgefahren« können wir zwei gute Sachen miteinander verbinden“, sagt Frederyk. „Das Radfahren und die Obdachlosenhilfe.“ Ihre Idee der Kältehilfe auf zwei Rädern stellt der autogerecht gestalteten Stadt etwas entgegen. Denn mit den E-Lastenrädern erreichen sie leicht Orte, die für Pkw nicht zugänglich sind. Elias ergänzt:

»Die Kälte war uns von Anfang an egal. Mit den Rädern sind wir genauso auf der Straße wie die Menschen, zu denen wir fahren. Wenn wir nicht erst aus unserem Auto oder Bus aussteigen müssen, sondern gleich präsent sind, haben wir einen viel persönlicheren Zugang zu ihnen.«

Elias und Frederyk nutzen den direkten Kontakt, um über Anlaufstellen für Obdachlose, wie etwa Unterkünfte oder Suppenküchen zu informieren. Denn viele der Hilfsbedürfigen wissen gar nichts von diesen Einrichtungen.

warmgefahren
Wibke Reckzeh

Wenn das Projekt richtig angelaufen ist, soll zukünftig jeder mitmachen können. Die beiden wollen einen Verein gründen und die Arbeit auf die verschiedenen Bezirke aufteilen. Auch für den Sommer haben sie schon Ideen. Denn auch wenn die Temperaturen steigen, benötigen die Obdachlosen immer noch saubere Kleidung und Getränke.
Für den kommenden Winter planen die Studenten den Aufbau einer mobilen Suppenküche. Um ihr Projekt weiter finanzieren und sich endlich eigene Lastenräder anschaffen zu können, sammeln sie auf der Crowdfunding-Plattform Startnext Spenden: www.startnext.com/warmgefahren

Das Helfer-Netzwerk soll größer werden! Dafür braucht das Projekt »Warmgefahren« weiterhin Lastenräder als Leihgaben sowie Lastenradfahrer/-innen (gerne auch mit eigenen Lastenrädern), sodass in vielen verschiedenen Stadtteilen gleichzeitig Fahrer unterwegs sein können. Ihr könnt Elias und Frederyk auf ihren Touren begleiten oder euch Versorgungspakete bei ihnen abholen und selbst an den Mann oder die Frau bringen.
Wenn euch jemand auf der Straße auffällt, der Hilfe benötigt, könnt ihr die beiden auch anschreiben und den Standort durchgeben, damit sie dort vorbeifahren können. Ihr erreicht Elias und Frederyk ganz einfach über ihre Facebookseite www.facebook.com/warmgefahren/ oder das Kontaktformular ihrer Webseite warmgefahren.org/kontakt/.

Eine Geschichte von Lea Gröger (VCD)

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