Kinder auf dem Weg zur Schule, VCD/ Katja Täubert
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Fußverkehr
Sicherheit

Mit Schulstraßen sicher unterwegs – so geht’s!

Der Schulweg bietet für Kinder oft viele unnötige Gefahren und Hindernisse. Und das ausgerechnet auf den letzten Metern. Wer kennt dieses Bild nicht? Morgendliches Verkehrschaos vor den Schulen. Autos reihen sich aneinander und blockieren sämtliche Verkehrswege. Kaum jemand blickt hier noch durch. Vor allem für Kinder, die gerade noch lernen, sich im Straßenverkehr zurechtzufinden, ist diese Situation unübersichtlich und gefährlich. Eine Lösung für dieses Problem können Schulstraßen sein...

von Niklas Engelhardt

Schritt für Schritt

Was eine Schulstraße überhaupt ist? Konkret bedeutet „Schulstraße“, dass die Straße vor der Schule in den Zeiten rund um Schulbeginn und -ende für den Autoverkehr gesperrt ist – meist für eine halbe Stunde. Wenn der größte Ansturm vorbei ist, ist die Straße wie gehabt geöffnet. Ihr könnt so sicherstellen, dass alle Kinder die Möglichkeit bekommen, sicher ihren Schulweg zu bestreiten.

VCD/ Katja Täubert

1. Gemeinsam nach Lösungen suchen

Sucht euch zuerst Mitstreiter*innen, die gemeinsam mit euch das „Projekt Schulstraße“ voranbringen! Gerade zum Anfang ist das sinnvoll, da eine erfolgreiche Realisierung maßgeblich davon abhängt, dass viele unterschiedliche Akteure möglichst früh in die Überlegungen und Planungen mit eingebunden werden. So könnt ihr sicherstellen, dass alles glatt geht.

Es gibt sicherlich viele andere Eltern an der Schule eurer Kinder, die das morgendliche Verkehrschaos vor der Schule ebenfalls stört und die das ändern möchten. Zur stärkeren Vernetzung könnt ihr etwa den*die Elternvertreter*in und/oder den Elternverein der Schule ansprechen. Außerdem gibt es in jeder Schule eine Lehrperson, die für Verkehrserziehung zuständig ist. Auch in jedem Schulamt gibt es Ansprechpartner*innen zum Thema Schulweg.

Sprecht auch lokale Initiativen vor Ort an, die euch als Kooperationspartner*innen unterstützen. Oft gibt es dort Menschen, die sich in Verkehrs- und Planungsfragen auskennen und euch mit Hinweisen und Unterstützung zur Seite stehen können. Fragt doch z.B. mal bei eurer Ortsgruppe des VCD nach. Meist rennt ihr dort offene Türen ein.

Wenn ihr einige Mitstreiter*innen gefunden habt, bieten sich regelmäßige Treffen an, damit ihr als Gruppe das weitere Vorgehen abstimmen und koordinieren könnt.

2. Bestandsaufnahme & Argumente sammeln 

Ihr habt Mitstreiter*innen gefunden? Toll, dann geht es jetzt in die nächste Phase! Beginnt mit einer umfangreichen Bestandsaufnahme. Beobachtet die morgendliche Situation vor der Schule. Wo liegen die Gefahrenstellen? Welche Situationen sind besonders gefährlich? Dokumentiert eure Beobachtungen schriftlich und macht außerdem Fotos. So könnt ihr später eure Forderung nach einer Schulstraße besser begründen. Neben der höheren Verkehrssicherheit und den gesundheitlichen Vorteilen, wird so die eigenständige Mobilität der Kinder gefördert und Kinder lernen frühzeitig sich eigenständig im Verkehr zurechtzufinden. Das sind nur einige der vielen Vorteile des Zufußgehens und Radfahrens für Kinder, die euch bei eurer Argumentation unterstützen können.

Es hilft dabei auch, über den Tellerrand hinauszuschauen: Auch anderswo setzen sich Menschen für die Einrichtung von Schulstraßen ein und in manchen Orten wurden diese bereits erfolgreich umgesetzt. In Deutschland gibt es bisher hauptsächlich Modellversuche. In Osnabrück gab es 2016 allerdings schon eine flächendeckende Zufahrtsbeschränkung vor Schulen für Autos rund um die Stoßzeiten der Schulen. In Wien wurden zum Schulbeginn des Jahres 2019 gleich vier Schulstraßen eingerichtet. Hier sind vor Schulbeginn und nach Schulende die Straßen 30 Minuten lang für Autofahrer*innen gesperrt, wofür ein temporäres Fahrverbot sorgt. Zur betreffenden Zeit stellen die Schulen Scherengitter auf, die Autofahrer*innen auf die Sperre aufmerksam machen. Tauscht euch mit diesen Gruppen aus, um für euer eigenes Projekt wichtige Tipps aus der Praxis zu holen und auch von etwaigen Fehlern anderer zu lernen.

Mit dem Verweis auf bereits erfolgreich umgesetzte Schulstraßen an anderen Orten könnt ihr außerdem Kritiker*innen und Unentschlossene leichter überzeugen. Hierfür sind auch Argumentationshilfen sinnvoll, da oft ähnliche Argumente gegen Schulstraßen vorgetragen werden.

3. Schule ansprechen & Konzept erarbeiten

Ihr seid mittlerweile schon richtig weit gekommen! Neben Mitstreiter*innen und Kooperationspartner*innen habt ihr auch gute Argumente auf eurer Seite.

Für den Erfolg einer Schulstraße ist es wichtig gleichermaßen Eltern, die Schulleitung und den Bezirk für die Idee zu überzeugen. Falls die Schulleitung noch nicht mit im Boot sitzt, ist das auf jeden Fall der nächste Schritt. Es ist gut möglich, dass die Schulleitung eurem Anliegen positiv gesonnen ist, da sie selbst jeden Tag mit der Verkehrssituation vor der Schule konfrontiert ist. Falls euch doch zunächst Skepsis entgegengebracht wird, bleibt hartnäckig und legt eure vielen gesammelten Argumente dar.

Wenn ihr mit diesem Schritt erfolgreich wart, habt ihr wichtige Akteure mit an Bord. Nun geht es um die Ausarbeitung eines konkreten Konzepts. Ein zentraler Teil davon ist die Überlegung, etwaige Haltepunkte einzurichten, an denen jene Eltern ihre Kinder rauslassen können, die auch weiterhin auf die Fahrt mit dem Auto nicht verzichten möchten oder können. In den meisten Fällen beträgt der Weg zur Schule dann nur noch wenige 100 Meter zu Fuß. Außerdem zählt hierzu auch die genaue Definition der Grenzen der späteren Schulstraße. Hier bietet sich evtl. auch schon die Zusammenarbeit mit der Verwaltung eurer Kommune an, die ansonsten Teil des nächsten Schritts ist.

4. Verkehrsrechtliche Anordnung einholen

Inzwischen befindet ihr euch fast auf der Zielgraden bis zur Verwirklichung der Schulstraße. Arbeitet in diesem Schritt eng mit dem Bezirk, der Polizei und der Verkehrswacht zusammen, um alle Fragen zur Verkehrssicherheit sowie rechtliche Belange wie die verkehrsrechtliche Anordnung der Zufahrtsbeschränkung abzuklären. Im besten Fall treffen die auch alle Anordnungen zur Einrichtung sog. „Schulstraßen mit temporären Durchfahrtsbeschränkungen an Schulen“. Dann könnt ihr an die entsprechende*n Ansprechpartner*innen eurer Kommune herantreten und eure Pläne vorstellen.

Zur Einführung der Schulstraße bietet sich eine begleitende Veranstaltung an, zum Beispiel im Rahmen eines Sommerfests. So wird die Schulstraße auf praktische Weise allen Beteiligten bekannt gemacht. Zusätzlich könnt ihr Flyer mit allen wichtigen Informationen auslegen oder verteilen. Vergesst nicht auch Pressevertreter*innen vorher rechtzeitig einzuladen. Ein Artikel in der Lokalzeitung und ein Feature im Radio erhöhen die Außenwirkung der neuen Schulstraße immens und regen im besten Fall andere Schulen zur Nachahmung an.

5. Alternativen ausprobieren 

Mit der Einführung der Schulstraße wird gleichzeitig Raum für Alternativen zum Schulweg mit dem Auto geschaffen. Hier gibt es bereits viele Ansätze, wie etwa der VCD Laufbus. Dabei begleitet zunächst eine erwachsene Person mehrere Kinder auf dem Schulweg. Unterwegs kommen immer mehr Schulkinder (in Corona-Zeiten am besten aus einer Klasse) hinzu, bis der Laufbus schließlich groß genug ist, um ohne erwachsene Begleitung den restlichen Schulweg zurückzulegen. Um den Schulen das Thema näher zu bringen, helfen auch Aktionen, die das Bewusstsein für alternative Möglichkeiten der Mobilität schaffen. Mit der Aktion „FahrRad! Fürs Klima auf Tour“ können Kinder und Jugendliche auf ihren täglichen Wegen Kilometer erradeln, indem sie auf das Elterntaxi verzichten. Zudem gibt es auch 2020 wieder den „Zu Fuß zur Schule“-Tag, an dem Kindergärten und Grundschulen dazu aufrufen Kita- und Schulwege neu zu entdecken. Neben den gesundheitlichen und sozialen Vorteilen, etwa die sportliche Betätigung und die gemeinsame Zeit mit Klassenkamerad*innen beim Weg zur Schule, bekommt euer Kind so die Möglichkeit das richtige Verhalten im Straßenverkehr zu erlernen.

Die vielen positiven Folgen zeigen, dass sich der Einsatz für die Einrichtung von Schulstraßen mehr als lohnt. Mit dieser Anleitung steht eurem Anliegen also nichts mehr im Wege. Los geht’s! Und wenn’s mal wieder länger dauert: verliert nicht den Mut, die verkehrsbehördlichen Mühlen mahlen oft langsam.

Tipps & Tricks

Tipp 1:
WELCHE STRAßEN EIGNEN SICH FÜR DIE EINRICHTUNG EINER SCHULSTRAßE?
Inwiefern sich die Straße vor der Schule eurer Kinder auch für eine Schulstraße eignet, prüft im jeweiligen Fall die Verwaltung. So ist z.B. in Straßen in denen Straßenbahnen o.ä. fahren keine Schulstraße möglich. Andere öffentliche Verkehrsmittel wie Busse sind dagegen kein Hindernis. Dieser müsste gegebenenfalls umgeleitet werden. Die Verwaltung prüft weiterhin, inwiedern der Durchgangsverkehr behindert wird und etwaige Verkehrsverlagerungen. Auch verkehrsberuhigte Zonen bieten sich für die Einrichtung von Schulstraßen an.